Volkstrauertag 2020 – Max Dehnert

Volkstrauertag 2020

Mein Name ist Max Dehnert ich bin 19 Jahre und seit 2014 im Jugendgemeinderat tätig. Ich will unter dem Titel, Gedanken eines Jugendlichen zum Volktrauertag, meinen Beitrag zu diesem Tag leisten und hoffe, dass ich die Gedanken des ein oder anderen Lesers damit bereichern kann.

Am Sonntag den 15. November hätte man sich versammelt um jene zu ehren, die unter Krieg und Gewaltherrschaft leiden mussten, vielerorts sogar noch müssen und jene die dadurch ihren Tod fanden. Dieses Jahr ist dies aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich, dennoch wurde ein Weg gefunden, die Nachricht dieses Tages zu würdigen.

Für mich sind große Katastrophen und schlimme Geschehnisse der Vergangenheit wie die zwei Weltkriege, die diktatorischen Regime des 3. Reiches und der DDR und andere Kriege immer weit entfernt gewesen. Einmal wegen meines Alters und auch wegen der räumlichen Entfernung beispielsweise zum Nahen Osten. Dieses Jahr hatte ich durch die Corona-Pandemie zum ersten Mal persönlichen Kontakt zu einer Krisensituation, doch diese ist meiner Meinung nach kein Vergleich zu dem, was das letzte Jahrhundert prägte.

Die eindrucksvollste Geschichte die mir in meiner Kindheit erzählt worden war, war die meines Opas und seiner Geschwister, die im Zweiten Weltkrieg ihren Heimatort verlassen mussten, um in das heutige Deutschland zu fliehen. Die Familie meines Opas lebte bei Ausbruch des 2. Weltkrieges in Oppeln, einer Stadt die heute mit knapp 130.000 Einwohner in Polen liegt. Im Januar 1945 wurde die deutsche Bevölkerung der Stadt evakuiert, mein Opa und seine Geschwister wurden mit LKWs nach Neisse gefahren und sind von dort aus bis nach Hof in Bayern geflohen. Die große Schwester meines Opas hat im Jahr 2008 ihre Geschichte und Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben. In ihrem Buch beschreibt sie ihr Leben im Alter von 17-19 Jahren, während der zweite Weltkrieg wütete und die Familie auf der Flucht ins Unbekannte war. Beim Lesen der Seiten bekommt man ein ganz mulmiges Gefühl, wenn einem bewusst wird, dass das was dort steht, die Erfahrungen der eigenen Großtante sind. Sie beschreibt wie die Jugendlichen damals leben mussten, bei Nacht musste das komplette Haus abgedunkelt werden, damit Spähflieger die Stadt nicht erkennen konnten. Wöchentlich, manchmal täglich gab es Fliegeralarm, die Kinder und Jugendlichen konnten am Motorengeräusch der Bomber hören, ob sie noch beladen waren oder ihre Aufgabe schon erledigt hatten. Zudem waren viele Väter an der Front, so auch mein Urgroßvater. Auf der Flucht musste Essen und Feuerholz her, es wird beschrieben wie die Kinder der Familie auf den Feldern die Tagesmahlzeiten zusammensuchten während die Geschwister Wache hielten, damit es auch ja keiner bemerkt. Doch am Eindrucksvollsten finde ich die Erzählungen, welche alles hätten verändern können. So erzählt meine Großtante wie mein Opa auf der Straße unterwegs war und auf einmal ein Tiefflieger mit seiner Bordkanone in das Wohngebiet schießt. Die Geschosse trafen den Bordstein auf dem mein Opa unterwegs war. Einen Meter höher und mich würde es heute nicht geben. Ich kann von Glück reden, dass meine Familie die Flucht überstanden hat und einen Platz im heutigen Deutschland gefunden hat.

Ich will heute aber nicht nur über eine Zeit schreiben, die ich nur aus Büchern und Filmen oder Geschichten von meinen Großeltern und Eltern kenne. Denn ich, der ich im 21. Jahrhundert geboren bin, möchte die Möglichkeit nutzen auf jene aufmerksam zu machen, die in der, aus deutscher Sicht, längsten Friedensperiode, trotzdem Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind. Vor allem Menschen in meinem Alter, deren Zukunft auf dem Spiel steht. So gibt es aktuell viele Krisenherde auf der Welt, wo Kinder und Jugendliche ähnliches, vielleicht sogar schlimmeres, durchmachen müssen als mein Opa und seine Geschwister damals. Auch müssen viele Menschen in Armut leben oder sich an den Gefechten beteiligen. Es fehlt Nahrung, Medizin und Sicherheit, und selbst wenn etwas davon zur Verfügung wäre, fehlt das Geld um es sich leisten zu können. Viele dieser Menschen geben alles was sie haben ab, um ihr Heimatland zu verlassen und begeben sich in Lebensgefahr um in ein Land zu gelangen, in welchem ein stabiles Leben möglich ist.

In den letzten Jahren sind viele Menschen geflüchtet und zu uns nach Europa gekommen. Einige haben es auch geschafft hier Anschluss zu finden und sind dabei sich ein Leben aufzubauen. Dies sollte eine Motivation für Menschen in Not aber auch für uns sein, um das Leid auf dieser Welt zu verringern. Eine Flucht ins Unbekannte ist aber auch nicht für alle eine Option, so kämpfen viele in ihrer Heimat für Recht und Frieden. Doch immer wieder kommt es bei friedlichen Demonstrationen zu Auseinandersetzungen und die Folge sind Verletzte und Tote, die Frieden für ihre Familien, Freunde und das ganze Land wollten.  

Es ist schwierig mit Tot, Gewalt und Zerstörung fertig zu werden. Das merken wir, wenn wir an Menschen denken die uns Nahe standen, die diese Welt verlassen mussten oder wir Kontakt zu traumatischen Erlebnissen hatten. Wir sollten uns in der modernen, schnellen und hektischen Welt die Zeit nehmen die wir brauchen, um mit dem Erfahrenen fertig zu werden. Am heutigen Volkstrauertag ist der Tag an dem wir uns an die glücklichen Momente, welche wir mit den Verstorbenen erleben durften erinnern. Und auch sollten wir an jene denken, denen wir helfen können, sich von dem Leid und der Trauer zu befreien, seien es Freunde oder Verwandte denen wir durch schwere Zeiten helfen oder Menschen denen wir die Chance geben eine schwere Vergangenheit hinter sich zu lassen. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und uns vor Augen führen, welche Folgen Krieg, Gewalt und Zerstörung auf unsere Welt haben. Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollten wir auf die aktuellen Situationen blicken in denen Menschen leiden. Es ist oftmals schwer eine große Hilfe zu sein, doch auch vermeintlich kleine Unterstützungen und Taten können im richtigen Moment anderen ein Segen sein und die Welt ein kleines bisschen verschönern.

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